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Warum trylon sterben müsste.

 

 

Kurz und heftig. Intensiv, aufrichtig und konsequent. Bis zum Abschied. Schnell rein, alles geben und alles nehmen, schnell raus. So stelle ich mir eine Liebesgeschichte vor, die in die Brüche geht. Eine Liebesgeschichte, die von Anfang an kaum Chancen hatte. Das im Frühsommer dieses Jahres gestartete und seitdem mit viel Herzblut geführte trylon hat seinen ersten Winter nicht überstanden. Nach sieben Monaten und siebzig Artikeln habe ich mich entschieden, das erfolglose Projekt einzustellen.

 

Vor über einem halben Jahr habe ich trylon lanciert, mit dem wahnwitzigen Ehrgeiz, ein Feuilleton für die rheinländische Kunstszene zu gründen. Ich hatte mir ein niveauvolles Medium erträumt, das über die Arbeit der Galerien in Düsseldorf, Köln und im Ruhrgebiet berichtet und zudem einen kritischen Blick auf die Off-Szene werfen würde. trylon war von Anfang an nicht als Kunstblog sondern als Online-Magazin angelegt. Der feine Unterschied wird für die meisten Leser sophistisch erscheinen, aber er war mir wichtig. Es ging mir nie um das Hinausposaunen von subjektiven Ansichten und privaten Meinungen zur Kunst. Ich bin nicht eingetreten, um mein Mitteilungsbedürfnis zu stillen, sondern wollte vielmehr eine sachliche Diskussion anregen und diejenigen Akteure des Kunstbetriebes ins Licht rücken, die von der Print-Presse systematisch vergessen werden. Auf professioneller Ebene und mit dem souveränen Tonfall des Experten, der sich nicht bemüßigt fühlt, über Geschmack zu reden. Ich wollte zudem Autoren einbinden, mit Kunsthistorikern und Künstlern zusammenarbeiten und die Leserschaft an diesem Forum teilhaben lassen. Nicht nur daran bin ich gescheitert.

 

Nach über einem halben Jahr muss ich heute feststellen, dass trylon kaum angenommen wird. Jetzt schon hat die Besucherzahl ein lächerlich niedriges Plateau erreicht und entwickelt sich nicht weiter. Trotz mancher Bemühungen, die Aufmerksamkeit über das schöne Projekt zu steigern, bleiben die Statistiken ernüchternd. Ich lasse mich nicht so schnell von schlechten Zahlen beeindrucken, aber wenn keine positiven Signale aus der sog. Szene wahrzunehmen sind, nützt es nichts, sich festzubeißen. Es gab ein paar wenig erbauliche Gespräche mit Galeristen und demoralisierende Rückmeldungen von Künstlern (das typische „Ja-ich-habe-davon-gehört-es-soll-sehr-gut-sein-selbst-habe-ich-nicht-reingeschaut“). Im Laufe der Zeit wuchs die Einsicht, dass jeder die trylon-Idee begrüßt und keiner das trylon-Produkt liest. Die Akteure des lokalen oder regionalen Kunstbetriebes, in erster Linie die Künstler und Galeristen, haben bisher kaum auf die Rezensionen und Artikel reagiert, die ich regelmäßig vor ihre Füßen legte. Auch nicht, wenn sie direkt davon betroffen waren. Das Desinteresse, Gegenstand einer öffentlichen Diskussion zu sein, hat mich verblüfft. Die allgemein herrschende Motivationslosigkeit, sich mit Kritik auseinanderzusetzen, hat mich enttäuscht. Vor allem daran bin ich gescheitert.

 

Scheitern geht in Ordnung, wenn es mit neuen Erkenntnissen verbunden ist. Nachdem ich bereits (und aus anderen Gründen) aus perisphere.de ausgestiegen war und meine Lehre daraus gezogen hatte, schließe ich als Alleinverantwortlicher trylon.de ab und ziehe meine Lehre daraus. Ich bin froh, die Erfahrung gemacht zu haben. Und bedanke mich bei all denjenigen, die mich dabei unterstützt haben, in erster Linie die Autoren, Anja, Saskia, Veronica und Wolfgang und der Programmierer der Seite, Walter. Sowie die Lektorinnen, Anna und Stefanie. Danke, dass ihr an meine naive Vision eines freien Organs der Kunstkritik geglaubt habt! Man sieht sich – woanders.

 

 

Emmanuel Mir

Comments (13)

  • lektor

    Schade, aber verständlich. Vielleicht ist das Problem, dass Kritik ohnehin nicht gefragt ist. Wer sie äußerst disqualifiert sich ohnehin als Miesepeter, der es nicht geschafft hat, im System Fuß zu fassen. Kritik ist heute doch ohnehin nur Werbung. Vielleicht lebt es sich damit aber ungeniert. Einfach mehr pöbeln. Was dem Donald Trump hilft, kann uns doch nicht schaden.

    Gibt es dann andere Formen, in denen man Deine/Eure Gedanken lesen kann?

    lg und ein dennoch erfolgreiches Jahr

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  • Andreas

    Ich denke, der Ansatz war gut und richtig. Ich würde es an Deiner Stelle einfach weiterführen.

    Einen Text alle 2-3 Wochen und vielleicht 15€ im Jahr für die Webseite sind ein überschaubarer Aufwand. Aber vielleicht zündet diese gute und individuelle Idee doch noch und eine gute Eigenwerbung ist es allemal.

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  • Julia Zinnbauer

    Lieber Manu,

    die Nachricht, dass Du Dein Online-Magazin nicht weiterführen willst, hat mich, wie all Deine Leser, absolut überrascht. Dass man mit Themen wie Kunst, Literatur, Architektur etc. nicht immer die breite Masse erreicht, das beobachte ich seit Jahren an meinem eigenen Blog. Und dennoch bin ich der Meinung, dass man das Internet nicht dem Banalen und Mittelmäßigen überlassen darf. Denn die Leute, die wirklich etwas Gutes lesen wollen, die gibt es eben auch, und durch genau diese Leser erfährt man manchmal die unerwartetsten Geschichten und gerät auf die wildesten Fährten. Das Phantastische an einem Blog oder einem Online-Magazin ist, dass man oft erst Jahre später feststellt, was sich alles aus einem einzigen kleinen Bericht ergeben hat, welche Querverbindungen oder Erkenntnisse, welche Kontakte oder Ereignisse daraus entstanden sind. Ich bin davon überzeugt, dass Deine Leser begeistert sind, wenn Du in Zukunft ein wenig seltener berichtest, aber Deine Seite dennoch am Leben erhältst.

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und sende die besten Grüße,

    Julia

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    • Emmanuel Mir

      NEVER LOOK BACK IN ANGER
      Danke für die liebenswürdigen Reaktionen zur Entscheidung, trylon einzustellen – vor allem auf FB. Entdecke ich gerade meine Zen-Natur? Fakt ist, dass ich es nicht mag, wenn der Fluss nicht fließt. Fakt ist, dass trylon nie zum fließen gekommen ist, sondern sich schleppend wie ein Rinnsal sieben lange Monate durch die Blog-Landschaft mäandert hat. Deshalb wechsele ich den Platz und gehe dahin, wo der Strom stärker und lebendiger ist. Deshalb höre ich mit diesem Format (also: mit trylon als online-Magazine) auf. Aber sehr bald wird die Kritik andere Kanäle finden. Bis bald also – auf einer anderen Plattform!
      (Außerdem hat das Sterben von trylon eine positive Folge: Man spricht nun überhaupt über das Sterben von Kunsblogs und Online-Magazine: http://www.perisphere.de)
      @Julia: Du hast Recht. Deshalb soll es trylon weiter geben. Nur in einer ganz anderen Form. Mehr dazu in Februar.
      @Andreas: Du hast auch Recht aber: Eigenwerbung interessiert mich nicht. Im Gegenteil verhindert sie die Arbeit der Kritik. Lieber möchte ich, nichts mehr zu verlieren haben. Deshalb wird die nächste Form von trylon kantiger werden.
      @lektor: Du auch hast Recht. Ich werde künftig definitiv mehr pöbeln (allerdings mit Stil und mit fundierten Argumenten). Bis dahin (und darüber hinaus) darf ich für Kunstforum International schreiben. Ein anderes Kölner Magazin hat sich auch bei mir gemeldet. Ich bleibe daran, ungenierter denn je. 😉

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  • Saskia

    Danke für deine Experiementierfreude und deinen Mut, lieber Manu. Damit hattest du mir tatsächlich einen Schub gegeben. Inspirieren und Inspiriert-sein ist schließlich etwas Zentrales für die Kunst und darüber hinaus. Von Herzen viel Erfolg für zukünftige Projekte. Und ja: NEVER LOOK BACK IN ANGER!

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  • Georg

    Was ich erstaunlich finde: kein Moment des Selbstzweifels? Keine Überlegung, dass es vielleicht am Content gelegen haben könnte? Ich Trylon selten, und immer eher aus voyeuristischer Neugier aufgesucht. Rückblickend erinnere ich mir vor allem an die grauenhaft Besprechung der Ausstellungen von Hanne Darboven und Sol LeWitt, die scheinbar recht verblüfft versucht hat, Gemeinsamkeiten zwischen den vermeintlich so ganz und gar unterschiedlichen Praktiken zu erkennen, ohne dabei nur ein Wort oder einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es doch gerade die persönliche Begegnung zwischen Sol LeWitt und Hanne Darboven, die zu einer wesentlichen Veränderung der Praxis letzterer geführt hat.
    Bei derartigen Veröffentlichungen muss man sich leider nicht wundern, wenn das Echo von Seiten der Betroffenen mager ausfällt..

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  • Daniela Steinfeld

    7 Monate sind ja noch nicht mal eine ganze Schwangerschaft. Nicht beleidigt sein und etwas länger durchhalten…..

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    • Emmanuel Mir

      Nicht falsch verstehen: Beleidigt bin ich nicht – aber trylon hat z.Z. und in dieser Form keine Zukunft. Und sich auf murksigen Projekte zu verkrampfen ist nicht meine Art. Ich mache einfach weiter wie vorher, nutze aber andere Plattformen, um sichtbarer und präsenter zu sein. Und arbeite zudem nicht mehr für lau.

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  • Ubbo

    Aufmerksamkeitsdefizit ist, lieber Manu, ein recht verbreitetes Phänomen. Man kann drunter leider oder sich darüber freuen. Du hast es hier doch mit einer zerrissenen Interessengruppe zu tun: die einen nehmen ihre Nische ernst, als sei es die Welt, die anderen schätzen ihre vom Finanzamt als ‚Liebhaberei‘ bezeichnete Mühe realistischer ein. Die meisten von uns arbeiten seit Jahren, ohne dass sich viele dafür interessieren. Es würden sich wesentlich weniger Menschen als ‚Künstler‘ bezeichnen, gäben sie sich gerade einmal 7 Monate Zeit oder hörten sie gar auf die Abfuhren von Galeristen und Kuratoren.
    So oder so: ich finde es traurig, dass sich immer wieder die klugen Köpfe entscheiden, das Gegenteil von dem zu tun, was nötig ist.

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  • Andrea Dietrich

    Schön das es solche blogs wie Trylon gibt und dadurch ein interaktiver, kultureller Austausch, der auf den Ausstellungen nicht in der Form stattfinden kann, ermöglicht wird.
    Schade, wenn es im Trylon nichts mehr zu sehen und lesen gäbe!

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  • Bernadett Wiethoff

    Lieber Emanuel,

    TRYLON darf nicht sterben. Ich finde, es ist eine sehr schöne Seite und eine wunderbare Idee. Ich würde sie sehr vermissen.
    Und ein „murksiges Projekt“ ist TRYLON schon mal gar nicht! Gerade als Online-Magazin gefällt es mir so gut.
    Bitte mach weiter! Es ist noch viel zu früh zum Aufgeben.

    Liebe Grüße
    Bernadett

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