Hockney Rezension

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Die Vorfreude im Kinosaal ist bei allen spürbar. Nur bei mir nicht. Ich ahne Böses von einer Dokumentation, die versprochen hatte, „ganz nah“ an den Künstler ranzukommen.

 

von Emmanuel Mir

 

Homestory – Abgesehen von der Paparazzo-Fotografie gibt es keine andere Gattung des Journalismus, die die voyeuristische Lust des Rezipienten besser als diese bedient. Und keine eignet sich besser, um ein Simulakrum der Teilhabe zu schaffen. Homestories geben vor, am rühmlichen und interessanten Leben einer anerkannten Persönlichkeit teilzuhaben und zum Kreis der Auserwählten zu gehören, die das Wohnzimmer von X betreten, dem Freund von Y zuhören oder das Fotoalbum von Z durchblättern dürfen. Das Eindringen in die Privatsphäre eines Prominenten fingiert eine Intimität, die die Sehnsucht nach Nähe und Beziehung des Normalbürgers (dessen Normalität und Ausgeschlossenheit übrigens dadurch bestätigt werden) erfüllt. Je komplexer und vielschichtiger ihr Sujet ist, desto deplatzierter erscheint die Homestory. Die Gattung taugt eher für Schlagerstars und Nebenbesetzungen von Fernsehfilmen als für Philosophen; man stellt sich nicht unbedingt eine Homestory über Ludwig Wittgenstein in der Vanity Fair vor (wie wohnt eigentlich Peter Sloterdijk?).

 

Deshalb waren die Zweifel groß an Hockney, einem Dokumentarfilm, der auf (teilweise Hockneys eigene) private bis intime Aufnahmen zurückgreifen konnte und, neben dem Meister selbst, viele exklusive Freunde aus dem Nähkästchen plaudern ließ. Ergo: Eine Homestory. Und schnell bestätigten sich alle Zweifel. Da kommen zunächst ein paar schrullige Anekdoten über die unkonventionellen Klamotten von Hockney während seiner Zeit im Royal College. Dann erzählt eine Freundin, wie sie sich vom unverschämten Künstler einmal anhören musste, sie hätte einen fetten Arsch (lacht). Dann färbt sich der Künstler die Haare. Später schwenkt die Kamera hin und her in seiner damaligen Wohnung, verweilt auf schönen, bunten Möbeln. Dann erneut die Geschichte mit der lustigen Brille. Und immer wieder Einblendungen im Pop-Art-Style mit Zitaten wie „I paint what I like and when I like“. Erbaulich.

 

Neben mir sitzen zwei ältere Damen, jenseits der Siebzig, die eine mit einer eng anliegenden Lederhose und unendlich langen Beinen, die andere mit blau-lila-Haarpracht, kurz geschnitten. Diese Femmes Fatales hätte ich gerne in den 1960er Jahren kennengelernt; leider war ich da noch nicht geboren. Und nun sitzen wir hier gemeinsam in der Sonntagsmatinée zu Hockney, ein Doku über einen Maler, der bisher nie durch seine intellektuellen Fähigkeiten – sondern einzig und allein durch seine Technik und seine sozialen soft skills – aufgefallen ist. Ein unterhaltsamer Maler, medial überrepräsentiert, diskursiv unbedeutend. Nur in den 1960er Jahren war Hockney ein experimenteller Maler, der die Bildsprache des Films und die Hektik seiner Zeit in seine Malerei zu integrieren gewusst hat. Später mutierte er zu einem vielbeachteten Meisterdekorateur, der an einer monströsen Kreuzung des Impressionismus und der Pop Art arbeitete. Er wurde immer konservativer und oberflächlicher und hat sich, wie Markus Lüpertz, mittlerweile in einen distinguished old man verwandelt. Erfolg war ihm stets beschieden. Das habe ich nie verstanden.

 

Der Saal ist voll und ich bin wohl der Jüngste. Alle kichern, wenn der Künstler nackt ist, alle lachen, wenn der Künstler einen Witz erzählt, alle halten die Luft an, wenn der Künstler weint oder wütet. Ich weiß nicht so recht, ob meine aufgeklärte Empathielosigkeit Fluch oder Segen ist. Nach vierzig Minuten erscheint zum ersten Mal ein Theoretiker auf der Leinwand, der den Ansatz des Anfangs einer Reflexion abliefert, um schnell wieder zu verschwinden. Das Abheben in die kritische Metaebene ist verboten. Erlaubt sind im Gegenteil die vielen Klischees (der Künstler als Narr oder als Affe), die allesamt von einer furchtbaren Musik untermalt werden. Ich für meinen Teil bestätige das Klischee des elitären Kritikers, der griesgrämig in einer Vorstellung sitzt, in der alle ihren Spaß haben. Nach einer Stunde habe ich keine Lust mehr, weiterhin einem Gay-Opa zuzuhören oder noch eine Fratze Hockneys zu erleben und verlasse den Saal. Hinter mir flüstert die alte Dame mit den blauen Haaren „Wie süüüß“, aber ich weiß, dass ihr Wispern dem Mann auf der Leinwand gilt.

 

Bis auf schön illustrierte biografische Notizen bringt Randall Wrights Streifen also keine Erkenntnisse über die Kunst von David Hockney – aber vielleicht war es eine falsche Erwartung des Rezensenten, Kunst in einer Künstler-Homestory zu vermuten.

 

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