Hannah Schneider Gegenhalll

Hannah Schneider Gegenhalll

Hannah Schneider Gegenhalll

Hannah Schneider Gegenhalll

Hannah Schneider Gegenhalll

Hannah Schneider Gegenhalll

Hannah Schneider Gegenhalll

Hannah Schneider Gegenhalll

Hannah Schneider Gegenhalll

Gegenhalll Nr 73

Hannah Schneider Gegenhalll

 

 

 

‚Gegenhall’ – ein Klang? ein Ruf? ein Echo? Was also ist in dieser Ausstellung wahrzunehmen?

von Wolfgang Waldmann

 

 

 

 

 

Hannah Schneider, Jahrgang 1984, Bildhauerin und mit bemerkenswerten Ehrungen bedacht, erhielt 2014 den bislang zum dritten Mal vom Förderverein der Alanus Hochschule vergebenen ‚Alanus Preis für Bildende Kunst’. Teil dieser Auszeichnung ist nun eine Einzelausstellung, die das Stadtmuseum Siegburg zusammen mit dem Förderverein der Alanus Hochschule in den Räumen des Museums ausrichtet.

 

Was sich jedoch bei der Eröffnung dem Besucher darbot, übertraf die schon hoch gesteckten Erwartungen: Den vom Sommerlicht durchfluteten, architektonisch sich offen gebenden Lichtsaal verwandeln eine Bodenarbeit, eine Installation, zwei Skulpturen und zwölf Zeichnungen in einen viel-stimmigen Raum, der von einem gemeinsamen Grundton getragen wird. Dieser Grundton ist die Fähigkeit der Künstlerin Hannah Schneider, ihre Aufmerksamkeit zu richten auf ein menschliches Maß der Dinge oder besser an den Dingen, die unter dieser Betrachtung in eine ‚natürliche’ Relation zu ihr selbst als Maß-Nehmende und – ganz konsequent – als Maß-Gebende treten. In diesem Sinne entsteht zwischen den einzelnen Arbeiten, so individuell und für sich stehend sie auch auf den ersten Blick erscheinen mögen, eine Verwandtschaft, auf die tatsächlich der Begriff ‚Gegenhall’ zielen mag.

 

Wie kann man sich das vorstellen: Im Unterschied zu den einführenden Ansprachen während der Eröffnung nehme ich die Zeichnungen als das Grundlegende. Eigentlich ‚zarte’ seismographisch ertastende Papierarbeiten, hat sie Hannah Schneider auf Glasplatten übertragen, die, als Wandarbeiten präsentiert, gerade dadurch ihre Transparenz und Leichtigkeit bewahren. Diese aquarellierten ‚Zeichnungen‘ (2014/2015) enthalten Motive, die an zeltähnliche Behausungen, Gefäße und Vor-Hänge erinnern, jedoch die Festigkeit dieser Raum-Körper in einer kaleidoskopischen An-Ordnung einzelner ‚kubischer Flächen’ aufzulösen scheinen. Die Zeichnungen stellen zwar die Motive bereit, wie sie in den raumgreifenden Arbeiten Hannah Schneiders wiederzufinden sind, jedoch spricht ihre subtile Ausführung eine unverwechselbare stilistische Sprache und lässt sie zum eigentlichen Kern der Ausstellung werden.

 

Das in den Zeichnungen implizite ausmessende – und gleichzeitig analytische Verfahren scheint auch Grundlage der großen Bodenarbeit im Zentrum der Ausstellung, dem Oberlicht-Raum zu sein: Liegende Spiegelflächen – in ähnlicher Methode nebeneinander angeordnet wie die ‚kubischen Flächen’ in den Zeichnungen und jeweils leicht gegen den umgebenden Raum und gegeneinander gekippt. In ihnen spiegeln sich nun der Raum selber, die anderen Arbeiten und vor allem die Menschen. Auflösen und Einfangen solcher Teilbilder ist vom Betrachter zu leisten. Es erscheint wie ein Ausprobieren des künstlerischen Verfahrens selbst: Ein Maßnehmen am Menschen.

 

Eine Skulptur aus Aluminium mit dem Titel ‚Flugdach’ (2015) reflektiert das analytische Verfahren der Zeichnungen: In Form eines mehrfach geknickten Vordaches oder Flügels nimmt sie den Besucher auf und vermag ihn, sonst wie in jedem hohen Museumsraum von verlorener Größe, seinem eigenen Maß zurückzuführen.

 

An dieser Arbeit wird – in anderer Weise als in den Spiegelflächen – ein weiteres Grundmotiv im Werk von Hannah Schneider wahrnehmbar: Das Schweben der Form im Raum. Wie eine Fußnote zu ‚Flugdach’ markiert eine am Boden sitzende und aus der Vogelperspektive fotografierte Taube – wie in grafischer Auflösung auf Glas übertragen – das Potenzial des Davonfliegens, der Leichtigkeit.

 

Gerade in solchen angedeuteten Bewegungen geschieht An-Verwandlung: räumliche Metamorphose antwortet auf das Phänomen Bewegung in der Zeit. Das macht in einem weiteren Ausstellungsraum eine Videoarbeit von 2010 ausdrücklich zum Thema: ‚1/4 Erdrundliegen’. Die im Schatten eines aufgebockten Kanus liegende Künstlerin rückt dessen unmerklich wandernden Schatten sechs Stunden lang nach. Es sei angemerkt, dass es mit der Präsentation dieser Performance Hannah Schneider gelingt, das Geschehen nicht nur präsent zu halten, sondern den Betrachter in den Zustand des Miterlebens zu versetzen. Denn diese Videoarbeit will keine Dokumentation der Performance sein, sondern sie macht das Wahrnehmungserlebnis der Künstlerin mittels des Werkträgers Film zum Wahrnehmungserlebnis des Betrachters.

 

Raum – auch geschichtlich besetzten Raum – und Zeit mit Menschen-Maß zu ermessen und beides gerade dadurch erfahrbar und gegenwärtig zu machen zeigt eine weitere Videoarbeit: ‚Bäuchlings auf dem Rhein’ (2014). Auf Deck eines Rhein-Lastkahns, auf der Fahrt von Bonn stromaufwärts, markiert die Künstlerin Ort und Strecke auf methodisch – man möchte sagen – geniale Weise: Der Rheinstrom als Fließendes wird – auf der Fläche des Schiffsdecks – zur mess- und somit sichtbaren Bedeutungsgröße: Auch hier ist der Maßstab wiederum die körperliche Präsenz der Künstlerin: das Abschreiten und symbolische Aufladen einer Fläche auf Deck des Schiffes erhebt den Fluss zum Verbindungs-Raum, in diesem Fall zwischen den Rheinstädten Straßburg und Bonn. Über die Einbindung dieses originellen Projektes in den Rahmen des ‚Deutsch-Französischen Kunstpreises‘ – und über die weiteren Arbeiten – informiert ausführlich ein umfassender und kenntnisreicher Begleittext zur Ausstellung, verfasst von Michael Stockhausen, Kunsthistoriker an der Universität zu Bonn.

 

Mit dieser Videoarbeit ‚Bäuchlings auf dem Rhein’ greift Hannah Schneider ein zentrales Element ihrer künstlerischen Welterkundung auf: Das Element Wasser spielt seit Jahren in ihrem Werk eine entscheidende Rolle. Vielleicht ist es das Nicht-Fassbare, das Atmosphärische, das fundamental Formlose, Veränderliche und Flüchtige sowie gleichzeitig das Gewaltsame dieses Stoffs, für den und mit dem die Künstlerin immer wieder neue Ausdrucksformen findet. Im Eingangsbereich des Museums zeigen sechs Monitore Videoarbeiten aus der Serie ‚Green Scenes’ (2014), die sich mit der Wirkung von Steigen und Fallen von Wasser – und mit seinem Geräusch auseinandersetzen. Und kein Zufall ist es, dass von dort der Blick auf frühgotische Wasserspeier fällt, über die sich – so zumindest in der Sichtachse der Museumsarchitektur – Schneiders Installation ‚Fall’ (2015) wie ein sanfter Regenschleier erhebt: Im Oberlicht-Raum ragen hängende Schleier aus weißen Fäden in den Raum und nehmen Fließbewegungen aus den Zeichnungen wie auch des Elements Wasser auf. Die schon erwähnte Spiegel-Bodenarbeit greift diese Vor-Hänge auf und lässt sie in spiegelverkehrter Wahrnehmung nach oben steigen. Erkundungen vielfältigen Gegenhalls.

 

 

‚Fall’ bestätigt das Materialbewusstsein der Künstlerin: Sie erliegt nicht der Versuchung, farbig auffällige oder gar geräuschvolle modische Glitzerschnüre zu verwenden, sondern sie reduziert das Fallen zu einem feinen, kaum merklichen weißen Hauch, dessen unvermutete Berührung an das flüchtige Vorbeistreichen einer Feder erinnern mag.

 

Dass sich Hannah Schneider auch mit anderen Materialien und Medien ausdrücken kann, zeigen die kleine Aluminium-Arbeit ‚Trophäe’ (2015), die einen deutlich zeichnerischen Charakter hat und auf kunsthistorische Zusammenhänge anspielt, sowie die Klanginstallation ‚Spring’ (2015), deren Präsentation den klangräumlichen Übergang schafft vom Oberlicht-Raum zum dunklen Raum der beiden Videoarbeiten.

 

‚Gegenhall’– vielstimmig also, doch mit klarem Grundton.

 

Es spricht für Hannah Schneiders Sprachsensibilität, für ihre Fähigkeit, hinzuhören und wahrzunehmen, wenn sie sich für den Titel ‚Gegenhall’ entscheidet – nicht dem Trend folgend, mit englischsprachigen Verwirrtiteln abzulenken oder zu locken. Denn diese ganz in sich stimmige Ausstellung muss nicht um Aufmerksamkeit buhlen.

 

Abschließend sei betont, dass die Arbeiten im Oberlicht-Raum aktuell auf diesen Raum hin konzipiert wurden. In der Anordnung der Ausstellung ließ sich Hannah Schneider mit kuratorischem Einfühlungsvermögen auf die unterschiedlichen Räume des Stadtmuseums Siegburg ein.

 

Zu dieser Ausstellung wird Anfang Oktober ein Katalog erscheinen.

 

 

Hannah Schneider
Gegenhall
Stadtmuseum Siegburg
23.8-20.9.2015
Markt 46, 53721 Siegburg
geöffnet Di.- So. 10-17 Uhr

Leave Reply