GintersdorferKlaßen_Exorzieren_Credit Knut Klaßen

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‚Aussprechen, zuhören, provozieren und austreiben’ – ‚raus aus dem Körper, was sich im Dunkeln eingenistet hat und den Körper kontrolliert und deformiert’ – Eine Theaterperformance von Monika Ginstersdorfer und Knut Klaßen.

von Wolfgang Waldmann

 

Fotos: Knut Klaßen

 

Mein erstes Gefühl nach der intensiven Aufführung war: Ich selbst müsse jetzt exorziert werden. Befreit werden von einer zweistündigen und mit Power vorgetragenen Textfülle, die sich nach-dröhnend meiner bemächtigt zu haben schien. War das so gewollt? Erlebte Kolonisierung? Oder war es ein kontraproduktiver Effekt?

Vor allem gegen Ende der phasenweise temporeichen, manchmal auch redundant wirkenden Performance fokussierte die internationale Gruppe aus sechs Männern und zwei Frauen die szenischen Bewegungseinheiten wie auch die Texte – immer wieder Texte – auf das Thema Kolonisierung. Wer kolonisiert wen? Oder was? Dass die Darsteller vier Afrikaner aus der Elfenbeinküste und vier Weiße, aus Argentinien und Deutschland, waren, schien für diese Fragen keine Rolle mehr zu spielen. Aus Ansätzen rudimentärer, bruchstückhafter, aber je persönlicher Erinnerungen, die dem eigenen kulturellen Erfahrungsbereich entstammen, entwickelten sich – gleich mit Beginn des Abends – teils theatralisch-komische, teils rhythmisch-tänzerische, oft stakkatohaft-schnelle Bewegungsabläufe als Andeutung kolonisierender Übergriffe. Überhaupt Übergriffe. In szenischen Bildfolgen ohne feste Rollenverteilung. Wer wird Opfer? Wer macht wen zum Opfer? Wer solidarisiert sich mit wem? Wie entstehen Konfrontationen zwischen magischen und scheinbar aufgeklärten Sichtweisen?

Das ließ sich im Gesamt der ‚ineinandergreifenden’ Performance-Szenen nicht mehr trennen. Soll und muss es auch nicht. Denn solche Verwischungen werden ja auch vorgeführt als eine Form der postkolonialen Nivellierung: Längst ist ein gesellschaftliches Spiel-Feld entstanden, auf dem jeder selber wieder kolonisierende Denkmuster übernimmt. Und ausübt. Handlungsmuster. Inzwischen domestiziert als körperästhetisches Spiel mit Dominanzgesten. Bilder vom anderen, ‚postkolonial’ entschärft und interkulturell verständlich. Doch ‚posthuman’ wieder gesellschaftlich eingenistet. Exerziert. Undurchschaubare ‚Verkettungen’, derer es sich zu befreien gilt. Zumindest in der Performance. Hier verwandelt in eine künstlerisch aufgeladene Körper-Sprache. Bühnensprache. So geraten Authentisches und Zitiertes in ein ununterscheidbares Gefüge einer zentralen Gestik: Hier bin ich. Anschaulich z.B. in der szenischen Einlage des kraftstrotzenden Gesten-Duells. Noch harmloses Vorspiel.

Als Performance beeindruckend die Verfügung über den eigenen Körper. Thematisch verwandelt: Körper wie Lebensformen werden vereinnahmend besetzt. Kulturbedingte rituelle Tänze mutieren in der ‚Postmoderne’ zu Tanz-Stilformen – die verbalen Anspielungen waren nicht zu überhören. Ursprüngliche Fetischismen verfestigen sich zu unverstandenen Moralismen und schlagen zurück. Kulturell gewachsene Besonderheiten werden zu individuellen Vorlieben, dabei ihres ursprünglichen Sinns beraubt. Aufgeklärter Exorzismus. In einer ‚posthumanen’ Gesellschaft wird alles möglich und somit beliebig. Als Beliebiges wird wiederum alles exerziert. Austreiben und Eintrichtern.

Was alles wird exerziert und was wird dabei wem ausgetrieben? Das schien durchgehend das Thema oder die Fragerichtung der Performance zu sein. Die Fülle an Text und die dabei in drei Sprachen angesprochenen Aspekte unterlagen keiner erkennbaren und wohl auch keiner gewollten Systematik. Wäre hier nicht weniger mehr gewesen? Auch ein wenig mehr Überschaubarkeit? Dabei gab es eindrucksvolle ‚Szenen’, die – so schien es zumindest – immer mal wieder aus der Situation entwickelt wurden. So die tänzerische Besetzung und Artikulation der Buchstaben des ABCs. Zumindest bis zum Buchstaben ‚i’ geriet dieses Spiel. Immer wieder wurden in solchen spontan entwickelten Abläufen Überraschung und Spielfreude in den Gesichtern der Akteure sichtbar. Sicher gab es auch festgelegte Szenen wie die mit Sandsäcken belasteten Rücken: Widerständige Kraft muss aufgebracht werden. Ein eindrucksvolles Bild.

Wenn es auch keine festen thematischen Rollen gab, so spielte doch jeder die eigenen Bewegungsvorlieben aus. Das war teilweise mit akrobatischer Raffinesse ausgeführt. Und hier – so schien es – geriet das Ganze tatsächlich in die Nähe des Exerzierens. Oder des – sich wiederholenden – Vorführens. Vielleicht lag dieser Eindruck daran, dass das Publikum während der Performance gebeten wurde, auch am hinteren Bühnenrand auf einer Bank Platz zu nehmen. Das weckte wohl mehr Erwartungen, als es tatsächlich eine Funktion hatte. Und merkwürdig entschuldigend wirkte dann auch die Ansage, man sei aber kein Mitmach-Theater. Zumindest war es ein guter Trick, in zwei Richtungen zu spielen und sich somit ‚natürlicher’ auf der Spielfläche zu verteilen.

Die angespielte Nähe zum Publikum wirkte jedoch aufgesetzt. Natürlich ist heutzutage die Frage nach der Form des Genres im Theater nicht mehr relevant. Gerade das FFT Juta bringt ja durch Öffnung und auch Auflösung bürgerlich-festgelegter Darbietungsformen etwas in Bewegung. Und steht damit in einer langen und reichen eigenen Tradition. Ich erinnere nur an den Regisseur Ernest Martin, der in den sechziger Jahren die Theatergruppe ‚Die Bühne’ gründete, im heutigen ‚Juta’. Da wurde und wird viel angestoßen und umgestoßen.

Dennoch stellte sich nach diesem Abend die Frage nach der Form wieder ein: Wort-Theater und Tanz-Theater. Improvisation und Öffnung zum Publikum. Performance und künstlerisches Arrangement. Fragen: Geht alles zugleich? Fließt alles ineinander? Oder unterlaufen sich die weiterhin verschiedenen Ansprüche? Kann anspruchsvoller Text situativ entstehen? Liegt der Anspruch in der Menge des Textes und in der Lautstärke des Vortrags? Wie verbinden sich vorbereitete Szenen und improvisierter Zugriff auf sie? Soll überhaupt ein ‚roter Faden’ entstehen?

Solche Fragen sollen nicht überbewertet werden. Und erst recht können sie nicht die Intention eines solchen Experiments relativieren. Die Umsetzbarkeit des Konzepts der Regisseurin Monika Ginstersdorfer und des bildenden Künstlers Knut Klaßen wird sich immer wieder erproben müssen. Beide ‚entwickeln seit 2005 Projekte, in denen sie Lebensstrategien und Ausdrucksformen der Darsteller zum Zentrum machen und mit eigenen Strategien und Ästhetiken konfrontieren’, so die begleitende Information des FFT. Und ihr Konzept wird sich im Rahmen des aktuellen Projekts des FFT ‚Alien Ecologies. Performance & Posthumanismus’ relativieren und von gegenseitigen Anregungen profitieren können.

 

Weitere Informationen zur Produktion und zu den Darstellern unter: fft-duesseldorf.de

 

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