Christoph Schellberg

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Dem Besucher bereitet die Einzelausstellung von Christoph Schellberg zwei Illusionen…

 

von Veronica Liotti

 

 

(aus dem Italienischen von S. Franchini)

 

Die erste Illusion betrifft die formale Struktur der Installation, die den Eindruck einer genauen Ordnung erweckt. Dabei steht der Betrachter vor einer “zufälligen” Reihenfolge von Zeichnungen, welche keine inhaltliche bzw. erzählerische Beziehung miteinander unterhalten – und dies, obwohl sie tiefe Ähnlichkeiten aufweisen. Diese Zeichnungen sind ausschließlich nach einem objektiven Maßstab geordnet, d.h. nach ihrer Farbabstufung.

Auf dem Zufall beruht dieser farbliche Verlauf deswegen, weil die Farbe des jeweiligen Hintergrundes mit Hilfe von einem Verfahren – dem Farbbad – hergestellt wurde, dessen Ergebnis wesentlich unberechenbar ist. Unter den zahlreichen Blättern, die der Künstler mit der Batiktechnik und durch eine systematische Methodik produziert hat, sind 50 davon ausgewählt und ordentlich aufgereiht worden. Daraus ergibt sich ein vollkommenes, durch einen Anfang, einen erkennbaren Verlauf und ein Ende charakterisiertes Farbspektrum, bei dem das Ausbleiben einer einzelnen Zeichnung die gesamte Harmonie zerstören würde. Die Ordnung der Bilder wurde also einerseits von einer Kette von Zufälligkeiten und anderseits von einem quasi taxonomischen Arrangement bestimmt, wie man ihn normalerweise in botanischen und entomologischen Sammlungen findet.

Die zweite Illusion betrifft den Inhalt, die „Botschaft“ dieser Werke. Die Illusion besteht darin, dass das Publikum Signifikate wahrnimmt, wo man bloß Signifikante vorfindet. Das ist allein möglich, weil die Bilder eine kognitive Dissonanz schaffen, die uns kleine Wahrnehmungsfallen perspektivischer Natur bereiten. Gern scheint der Künstler mit dem psychophysischen Begriff von Wahrnehmungsschwelle zu spielen, dessen typischstes Beispiel von der Sprache geboten wird: obwohl ein Wort unvollständig bzw. irrtümlich geschrieben wird, kann man trotzdem das ganze Wort erkennen, wenn es nur eine ausreichende Zahl von Buchstaben vorhanden ist. Dies tritt bei Schellberg entweder durch dunkle dissonante Zeichen, die als “Schatten” wirken und dabei die Regeln der Schattenlehre nicht immer respektieren, oder durch Formen und Körper – Kreise bzw. Linien, die eine Brille evozieren, Ovale, die an Eier denken lassen, Dreiecke an Pyramiden, usw. Indem sie auf bekannte Gestalten zurückgeführt werden, werden die Bilder von unseren Gehirnen erörtert, eingeordnet und klassifiziert. Hier nutzt der Künstler den Figurationszwang des durchschnittlichen Rezipienten ironisch aus. Allein dank analytischer Bemühung und kunstkritischer Distanz gelingt es, keinen Signifikanten wahrzunehmen, wo man bloß Zeichen vorfindet.

Diese Werke scheinen in einer Lebenszeit des Künstlers entstanden zu sein, die ein Übergangsstadium seiner Recherche darstellen, als er sich von einer explizit figurativen zu einer abstrakteren Ausdrucksweise entwickelte. Hier hat Schellberg das Zeichnen auf Papier gewählt – bestimmt nicht nur wegen der begrifflichen Verwandtschaft zwischen Zeichen und Zeichnen –, also ein besonders prekäres Medium, das oft als untergeordnet gehalten wird, allerdings den großen Vorteil hat, dass es leichter und schneller als andere Techniken ist und eine hektische, fast großmaßstäbliche Produktion von Werken ermöglicht.

Dadurch distanziert er sich von seiner vorigen Arbeit, in der das realistische Bildnis im Mittelpunkt stand. Jetzt scheint er das Kunstwerk entweihen zu wollen. Das Bild ist nicht mehr das Resultat langsamen Arbeitseifers und ungewöhnlichen Schaffensvermögens, sondern “bloße” Wiederholung einer vorbestimmten Handlung.

Indem Schellberg jede Emotionalität und Erzählung von seinen Arbeiten ausschließt, kommt seine Position, so scheint es uns, den Theoriebildungen und Ergebnissen der italienischen, 1948 in Mailand entstandenen und bis in die 70er sich entwickelten Kunstbewegung MAC (Movimento Arte Concreta) bzw. “Konkretismus”, nahe. Daraus stammt vielleicht der leichte Anachronismus, den wir in diesen Werken spüren.

Trotz der deutlichen Eleganz dieser Installation und der unzweifelhaften Feinheit dieser Zeichnungen, möchten wir uns abschließend fragen, ob der Rückgriff auf illusionistische Mittel notwendig ist, um über das Verhältnis zwischen Figuration und Abstraktion zu reflektieren.

 

 

Christoph Schellberg
Galerie Linn Lühn
Birkenstr. 43
40233 Düsseldorf
0211 68 775 790
Ausstellung vom 14.3 – 16.5.2015

 

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