L. Schmenger
Jessica Twitchell

Jessica Twitchell

L. Schmenger

Lukas Schmenger

Lukas Schmenger

Lukas Schmenger

Jonas Maas

Jonas Maas

Lucas Fastabend

Lucas Fastabend

Tom Benson

Tom Benson

Stephan Engelke

Stephan Engelke

 

exhibition in progress – wie junge Künstler einen Diskurs über ihre Arbeiten in Gang halten, abseits vom Mainstream der Etablierten.

von Wolfgang Waldmann

Fast wäre ich daran vorbeigegangen. Ackerstraße 24. Eine Toreinfahrt. Durchgang zum Hinterhof, verstellt von Fahrrädern, dunkel. Aus einer fernen Türe fällt Licht. Das wird es sein. Ein ehemaliger kleiner Atelierraum, ein Fenster. Frisch gestrichen. White Cube also auch hier.

Die Künstler-Kuratoren Stephan Engelke und Anna Mirbach eröffnen den vierten Spiel-Platz. Spielplatz? Die Idee ist einfach und doch anspruchsvoll. Dreizehn Künstler konnten für dieses Projekt gewonnen werden. Es funktioniert vielleicht wie eine Staffel: Alle sind beteiligt, jedoch nicht gleichzeitig. Heute stellen in diesem Raum drei Künstler aus. Ausgewählt haben sie Stephan Engelke und Jonas Maas. Und sie haben sie gebeten, unter einem konzeptionellen ‚Stichwort’ je eine Arbeit zur Verfügung zu stellen. Zur vierten Staffel: ‚Schema’. Die drei Künstler finden zueinander. Sozusagen ein kuratorisches Herantasten, ein Aufeinander-Zugehen, ein In-Beziehung-Setzen ihrer Arbeiten. Dieser Prozess dürfte etwas Spielerisches haben. Es entstehen Kontexte, mal so, mal anders. Ungewohnte Sichtweisen auf die eigene Arbeit bilden sich heraus. Ein Diskurs findet statt. Ja, und wie nebenbei entsteht auch eine Anordnung für die Präsentation in der Ausstellung.

Eine Anordnung, die doch bald wieder in Bewegung gerät. In den nächsten Tagen werden zwei der drei Künstler herausgenommen, zwei neue kommen hinzu oder auch drei. Das wird sich mehrmals wiederholen. Bis in den Dezember hinein. Die entscheidende Erfahrung aller Beteiligten wird der Prozess der Entstehung veränderter Kontexte sein. Der einzelnen Arbeit werden auf diesem Wege in aller Öffentlichkeit neue Seiten abgewonnen. Ad libitum.

Ein ‚Karussell’ also der besonderen Art. Ausstellungen als Erfahrungs-Prozess, zunächst einmal und vor allem für die Künstler selber.

Für den Betrachter hieße das in aller Konsequenz, jede dieser Staffeln zu sehen. Den Blick auf das Zueinander der Werke zu richten, das Einzelne – natürlich für sich Gültige – auch als Relatives und Dialogisches zu begreifen.

 

Wie funktioniert das aktuell mit den Arbeiten von Tom Benson, Jonas Maas, Lukas Schmenger? Zunächst stellt sich der Raum wie viele andere Ausstellungsräume auch dar. Eine Skulptur auf Sockel, zwei mehrteilige Wandarbeiten. Dem Besucher entzieht sich selbstverständlich dieser vorausgegangene Diskurs. Aber doch nicht ganz. Denn der Blick versucht Blickachsen herzustellen – oder auch zu entdecken. Auch das geschieht ja unbewusst immer. Nur dass es hier angelegt ist. Denn längst nicht jede Ausstellung nimmt den entstehenden und dann eben den entstandenen Kontext so ernst. So ernst? Hier sollte anders und im Sinne des Konzeptes formuliert werden: Es vermittelt sich eine spielerische Leichtigkeit. Vielleicht bilde ich mir das als Besucher im Wissen um das Konzept auch nur ein. Aber die Präsentation hat nichts Bemühtes.

 

Das liegt selbstverständlich auch und vor allem an den Arbeiten selbst. Aber eben nicht nur. Und diese Erfahrung ist nicht unwesentlich.

Lukas Schmenger zeigt eine überdimensionierte Maske aus Keramik. Wie eine Theatermaske manchmal aus Lederteilen zusammengenäht ist, so durchziehen auch dieses ‚Gesicht’ wulstartige Nähte. Spuren des Zusammenfügens. Des Sich-Fügens? Als ob dieses Maskengesicht eine Last trüge, unter der sich sein Blick nach innen zieht. Und so ist es sein eigener Akteur geworden, der die Maske abgelegt hat. Und sich ermüdet zur Seite neigt.

‚Passion’ nennt der Londoner Künstler Tom Benson seine Arbeit. In sieben Filmstills – schwarz-weiß und in einem aufwendigen Verfahren auf weiß grundierte Aluminiumplatten gedruckt – öffnet eine junge Frau Bild für Bild jeweils etwas mehr ihre Augen hin zum Betrachter. In suggestiver Schlichtheit. Der man sich kaum entziehen kann. Der Doppeldeutigkeit des Begriffs passion entspricht dann auch eine zweite Ebene dieser sieben, wie in einer Serie angelegten Fotografien. Und dies lässt sich kaum beschreiben: Gerade eben sichtbare Nadellöcher perforieren einige der Fotos, in manchen steckt eine Nadel. ‚Più’ – mehr –, der einzige aufgedruckte Schriftzug.

Wenn man es so sehen möchte, so kann man zur zwei mal zwei-teiligen gegenstandsfreien Wandarbeit von Jonas Maas ein strenges Gesicht oder auch eine Maskierung assoziieren. Liegt es am Kontext? Reduziert auf eine sich wiederholende lineare und doch räumlich suggestiv wirkende Struktur steht diese Arbeit wie eine ausgleichende Mitte zwischen den beiden anderen.

 

Muss man sich – als Besucher – an den Begriff ‚Schema’ erinnern? Mir scheint, dass er eher intern als Horizontlinie für den Diskurs der teilnehmenden Künstler dienen soll. Nicht um ihn dann schematisch/illustrativ mit den Arbeiten zu füllen, sondern um den Arbeiten einen konzeptionellen Raum zu geben. Der muss sich bewähren in dem real sich verändernden Raum, der letztlich auch diesen Begriff auf die Probe stellt.

So ist der kleine Ausstellungsraum dank dieser drei korrespondierenden Arbeiten wie mit Leben gefüllt. Ein Spiel-Platz. Und er macht neugierig darauf, wer sich weiterhin an diesem Spiel beteiligen wird.

 

Zwei Tage später

 

ad lib. V: Flair

Stephan Engelke, Lucas Fastabend, Lukas Schmenger, Jessica Twitchell

Samstag, 31.10.2015, 19-22 Uhr

 

Derselbe Raum. Und doch ein ganz anderer. ‚Flair’.

Was strahlt der kleine Raum heute aus? Verstellt wirkt er. Als ob man ihn nun erklettern müsse. Einem Spielplatz ähnelt er jetzt wirklich. Skulpturen dominieren den Eindruck. Enge. Bis kurz vor der Eröffnung ist der Prozess des Zueinander-Rückens noch nicht abgeschlossen. Hier hätte ich gerne zugeschaut und zugehört. Und jetzt möchte ich am liebsten selber umstellen. Es entwickelt sich ein Gespräch. Der Diskurs verlagert sich. Gewollt?

Lukas Schmenger ist mit einer weiteren maskenähnlichen Keramikarbeit (es handelt sich hier um ein Laminat aus harzverstärktem Gips) vertreten: auf sehr hohem Tisch. In Augenhöhe. Nun strahlt ein überdimensioniertes Maskengesicht kontrollierende Strenge aus. Vielleicht muss es sich behaupten in diesem Kontext. Oder will sich behaupten.

Nicht weit daneben eine gezimmerte Bodenarbeit von Jessica Twitchell. Wie ein verrutschtes Siegerpodest ragt die Skulptur empor, ungleiche Stufen türmen sich auf. Von der Seite ähnelt sie einem Modell tektonischer Verschiebungen. Aus vielfältigen Gegenbewegungen gefügt bleiben die einzelnen Elemente sichtbar und bilden doch ein sich in den Raum schiebendes Ganzes.

Ebenso sorgfältig und präzise im Umgang mit dem Material die skulpturale Wandarbeit aus Holz von Stephan Engelke. Wie zwei Puzzleteile des Buchstaben O, gegeneinander versetzt und je für sich dreidimensionale Eigenständigkeit gewinnend, dominiert die Arbeit in signalhafter Klarheit eine ganze Wand.

Auf einem schlanken hohen Sockel aus Holz ein Kopfhörer. Raumgreifende Technik breitet sich aus. Eine Audio-Arbeit von Lucas Fastabend. Erster Geräuscheindruck: Verzerrtes von einem Spielplatz, ein aufdringlicher Klangteppich wie Hintergrundgeräusch.

 

Flair. Kontrollieren, sich behaupten, emporragen, sich auftürmen, dominieren, verzerren, raumgreifend, aufdringlich. Flair? Hat sich im vorbereitenden Diskurs der Künstler der Begriff demaskiert? Hat sich stattdessen etwa eine Dominanzgeste hochgeschaukelt?

Und wie passt dazu die fünfte Arbeit, die kleine ziselierte Zeichnung auf der Wand? Auf den ersten Blick nicht. Doch näher heran erkennt man, dass Lucas Fastabend sie mit feinem Meißel in den Putz geschlagen hat. So wird sie, die scheinbar so zarte Arbeit, zur einzigen Unverrückbaren, zum eigentlichen Fixpunkt der heutigen fünften Staffel.

 

Die ganze Staffel ‚ad lib.’ in unregelmäßigen Abständen vom 16.Oktober bis 13.Dezember 2015
Kuratiert bzw. organisiert von: Stephan Engelke, Lucas Fastabend, Sven Fritz und Anna Mirbach, die in unterschiedlichem Wechsel die Setzungen vornehmen
Plakate: Anna Mirbach
Internetauftritt: Sven Fritz
Ackerstr.24/Hinterhof, 40233 Düsseldorf
Weitere Informationen unter www.polypolis.org/

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